Tuesday, August 29, 2006

7) "Vergiss es, der hat`s hinter sich..."

Wir begleiteten den Chef sonntags für Kundenbesuche nach Santa Cruz. Der Weg nach Cochabamba ist eine breite, asphaltierte Strasse (ähnlich einer deutschen Bundesstrasse, für Bolivien sensationell!!)durch den Amazonas, 200 Meter über normal Null. Die Fahrt war sehr lustig, Stimmung gut, Dschungel fetzt und wir freuten uns auf Santa Cruz (irgendwie haben ALLE gesagt, daß es da schöne Frauen quasi im Aldi als Sixpack gibt).
Zu Beginn der Reise geht es durch El Alto, ein Gaunerkaff, wenn hier einer etwas klaut wird er schonmal am nächsten Laternenpfahl aufgeknüpft oder gesteinigt. Die Polizei hängt dann die Leiche ab, die Bevölkerung hängt zur Warnung eine Puppe auf. Wir können es nicht ganz glauben, sehen aber dann tatsächlich so eine Puppe! So manches ist hier halt mal so GANZ anders als in Deutschland...

Auf 1/3 Cochabamba, 2/3 Richtung Santa Cruz kommen wir durch den Ort Villa Tunari. Hier, in der "Chapare", befindet sich das Drogengebiet, ca 90% der Leute hier sind Drogenbauern. Der Chef hält es für sicherer, daß wir uns als Touristen ausgeben, sowohl gegenüber der Bevölkerung ("Die riechen Soldaten auf 1000 Meter) als auch gegenüber der Drogenpolizei. Diese wurde von US-Boys ausgebildet und bewaffnet, sieht eher wie eine Dschungelkommandoeinheit aus als eine Art Polizei und kontrolliert die Strasse an Checkpoints.
Wir essen in Villa Tunari "Yochi" (--> hootschie), eine Art hundgrosser Hase, soll er zumindest sein, sieht aber eher aus wie ein mutiertes Eichhörnchen aus `nem Marvel-Comic.
Vollgefressen geht es am Nachmittag weiter Richtung Santa Cruz, da überqueren auf der völlig breiten und kilometerweit geraden Strasse Fußgänger die Fahrbahn.
"Pass auf Chef, da sind welche."
--> Chef hupt, bremst etwas, Fußgänger noch weeeiiiit weg.
Alle Fußgänger reagieren, nur ein Alter Knacker mit Hut erhöht leicht seine Schrittzahl und geht unbeirrt weiter.
"Brems!"
--> Chef wirft den Anker, Reifen quietschen, gerade so kann er`s schaffen... wenn der Depp sich nicht kurz vor der Sicherheit umentscheiden und UMDREHEN würde! Was ein Klappspaten.
BUMM (Hüfte) - KLATSCH (Kopp), der Typ segelt 4 Meter, rollt nochmal 3 und bleibt reglos liegen. Schade, 2 Meter mehr Platz hätten gereicht. Bei einer Bremsung mit 100km/h eigentlich nicht soviel. Der Chef (er ist ja Chirurg) geht sofort zum Unfallopfer, kommt Basti dann entgegen und sagt:
"Der ist tot."
Basti geht zu Heiko der hinten am Wagen steht:
"Was machst du da?"
"Ich suche den Verbandkasten."
"Vergiss es, der hat`s hinter sich..."
Auf einmal kommt der Chef an:
"Wir müssen ins Krankenhaus!"
"Wieso??"
"Der lebt doch noch."
Also Leute zurückgehalten (mittlerweile 30 Einheimische direkt ums Fahrzeug), blutenden Typen eingeladen, Frau und Sohn dazu und so mit 5 Leuten und einem Schwerverletzten ins nächste Krankenhaus, ca 10 km.
Dort angekommen, tragen wir den Alten (gab mittlerweile wieder Geräusche von sich) in die Notaufnahme, puh vielleicht schafft er`s wenn sie ihm nun kompetent helfen. Denkste, machen können sie in dem "Krankenhaus" (jedes Zelt des Roten Kreuzes auf dem Oktoberfest ist besser ausgestattet) nix für den Verletzten, also alle wieder reingepackt und zum nächsten Krankenhaus, diesmal 20 km.
Dort organisiert Heiko einen Rollstuhl, Basti setzt den Alten rein und er wird zur Notaufnhame gerollert.
Chef: "Das überlebt der nicht..."

In der Zwischenzeit gehen wir zur Polizei, der schickt uns zum nächsten Ort zum Polizei- Seargent. Der älteste Sohn kommt mit, in Bolivien muss man sich nämlich mit der Familie des Opfers einigen. Dummerweise ist der Fahrer in Bolivien immer automatisch schuld. IMMER!
Der Sohn bestand darauf, daß die Polizei das Auto vom Chef beschlagnahmt, nun standen wir also ohne Auto da. Wieder zurück zum Krankenhaus, sehen ob der Alte noch lebt oder verreckt ist. Noch lebt er, muss aber nach Cochabamba (120km) oder nach Santa Cruz (300km), dort gibt es bessere Ausstattung. Krankenwagen? Der Einzige ist gerade weg, auf einem Sonntag wird es schwer einen anderen zu organisieren, Wartezeit: 4-8 Stunden (!!!).
In der Zwischenzeit Diagnose: Vermutung auf Hirnblutung, zusätzlich hatte der Alte eh schon Tuberkulose und eine Lunge die das beste längst hinter sich hat. Er sah vor dem Unfall schon recht scheisse aus, nun aber noch mal ne Schippe schlechter.
Chef: "den Transport überlebt der nie..."
Dann endlich, es wird schon dunkel, kommt nach Stunden des Rumgammelns und Machete-Schleifens der "Krankenwagen": ein weisser Kombi mit Lampen aufm Dach, das wars. Chef ist sauer, mit seinem Auto hätten wir den Alten längst nach Santa Cruz bringen können (da soll er jetzt hin). Nach ein wenig einwirken auf den Fahrer klappt er immerhin die Rücksitzbank um und legt eine Decke auf den (Stahl-)Kofferaumboden.

Alten eingeladen, Familie dazu hinten rein, und los gehts. Wir müssen uns ein Taxi organisieren, es kostet ganze 45 Euro für die 300km Fahrt. Bis wir zum Taxistand im nächsten Ort kommen fahren wir mit einem Kombi... mit 12 Leuten. Basti sitzt im Kofferraum mit 2 Frauen und einem kleinen Mädchen, die Mutter fängt an es zu stillen. Als bei der Polizei (zum Abklären letzter Details) die nächste Frau (mitten in der Verhandlung) auch ihr Kind stillt, hat er sich schon dran gewöhnt.
Danach los mit dem Taxi. Da es dunkel ist, werden wir am Drogencheckpoint genauer kontrolliert (eine Frau dabei), Kofferraum und Handgepäck wird durchsucht. Auf die Frage was wir in Santa Cruz wollen antwortet der Chef blitzschnell mit einem "Touristica!". Wir dürfen weiter, es war die schärfste Kontrolle die der Chef je mitgemacht hat. Der Mitarbeiter unserer Firma in Santa Cruz ist bereits informiert und soll Meldung machen wenn der Verletzte ankommt, theoretisch müsste er weit vor uns ankommen. Kommt aber keine Meldung.

Chef:"Die Fahrt hat er wohl nicht gepackt..."
Dann kurz vor Santa Cruz die Nachricht: "Der Alte lebt noch!"
Harte Sau meinen wir, im Krankenhaus angekommen denken wir nur "endlich", aber es kommt die Nachricht: "Der muss woanders hin..."
Also wieder Alten eingeladen, Familie dazugepackt, und ab zum nächsten Krankenhaus in Santa Cruz. Dort den Knacker auf ein Brett gepackt und in den OP geschoben. Tja, wir sind halt wirklich nicht zum Spass hier, morgens um 5 Uhr war Abfahrt nach Santa Cruz, nun war es spät in der Nacht, ca 0 Uhr. Endlich kriegen wir über eine Sache Gewissheit! Ob er stirbt/lebt? Nö, nur das er hier erstmal bleiben würde, das ist für uns zu dem Zeitpunkt aber schonmal ein Erfolg (nach über 400 km Krankentransport). Wir gehen ins Hotel, können endlich bei schwüler Hitze duschen, mit einem jungen Doktor der mitgekommen ist teilen wir das Hotelzimmer.
Wird der Alte überleben?
Kriegen wir das Auto wieder (und wann und mit in wieviel Teilen)?
Wie hoch wird die Strafe?
Wie wird sich die Familie des Alten verhalten?
Warum ist es so furchtbar heiss in Santa Cruz und gibt es hier wirklich so tolle Weiber?
Mehr dazu im nächsten Blog von "Fieldspooks" ...ääh... "praktikumbolivien"!!!

2 Comments:

At 4:10 AM, Anonymous Anonymous said...

Tach Ihr Mörder,
ich tippe 3zu1 das er den arsch zukneift.Geht ihr mit?
Ganz ehrlich,das sind ja echt kaotische länder,in denen ihr euch rumtreibt,aber das mit dem Typ der was geklaut hat,erwischt wurde(blöd genug),und dann anne laterne hängend gesteinigt wurde,respekt!! Sollte man hier evt. mal in betrach ziehen,in Deutschland einzuführen!
Ich freu mich schon auf euern nächsten Beitrag(mit auflösung bitte)
Bis dahin,Gruß
Tommy

 
At 7:02 AM, Anonymous Anonymous said...

Oha, wenn die schon Diebe hängen was machen die dann wohl mit deinem Boss...
Ich hoff mal fest drauf das der ältere Herr das packt.
Tommy ich halte die Wette!
Wann biste denn wieder im Lande Bastian ?

 

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