Thursday, August 31, 2006

8) Wehrpflichtfraß in Santa Cruz


Nun sind wir also in Santa Cruz. Die Stadt ist eigentlich recht schön, viele Pflanzen und im Gegensatz zu La Paz gibt es keine Steigungen, dafür ist es furchtbar schwül-heiss. Wir ölen schon morgens aus dem letzten Loch, 2 mal duschen am Tag wird zur Regel.
Mit dem Chef und Richard, dem Mitarbeiter von Improsur (unsere Firma) in Santa Cruz, klappern wir von Montag bis Freitag eine Menge Augenärzte und Optiken ab um medizinisches Gerät zu vekaufen, jedesmal sind die Gespräche nach bolivianischem Schema: viel um den heissen Brei labern, aber keiner will ihn so richtig essen. So wird eine Menge Zeit verballert, wir gehen zwischendurch mal ein (Risiko-Salmonellen-)Softeis essen. Ist ja schliesslich warm hier und die komischen Deutschen halten es kaum aus bei der Hitze.
Kleiner Einschub: wir besuchen den Alten im Krankenhaus, eine Operation am Kopf wurde bei seinem momentanen Zustand als zu gefährlich angesehen, dennoch wird operiert. Der hiesige Arzt möchte das Geld haben, was er für die OP berechnen kann. Chef ist nicht glücklich darüber, sagt aber erstmal nichts (der Arzt entscheided ob und wann der Alte aus dem Krankenhaus kommt).
Am Mittwoch kommen wir zu einem interessanten Kunden: der Escola Militaria de Aviacion, die Pilotenschmiede der bolivianischen Luftwaffe. Obwohl theoretisch seid Monaten angemeldet, weiss natürlich kein Schwein bescheid, die Wache schaut etwas verduzt (wir sind schneidigst in Uniform), aber Ausweise wollen sie trotzdem nicht so richtig sehen. Naja soll ja nicht unser Problem sein.
Die Schule hier will ein Gerät kaufen, um nicht mehr flugfähige Piloten ausmustern zu können.Der für uns herangeholte englischsprechende Capitan (Hauptmann) kann nach einem Flugzeugcrash in 2 Richtungen gleichzeitig schauen und macht einen leicht behinderten Eindruck, deswegen sagen wir ihm lieber nichts davon. Man bittet uns am nächsten Tag wiederzukommen, dann könne man uns hier ein wenig rumführen.

Gesagt getan: am nächsten morgen stehen wir wieder vor der Luftwaffenschule in Uniform (natürlich überpünktlich, man hat ja einen Ruf zu verteidigen), vorher schlendern wir noch durch einen Markt und werden gleich von einer Dame angesprochen. Wir geben ihr zu verstehen das wir im spanisch sprechen ziemliche Bratwürste sind, daß hält sie aber nicht davon ab uns zu fragen ob wir verheiratet sind. Und die Handynummer hätte sie auch gern. "Ääähh, ja... ääääh... perdone no, seguridad militaria und so..." *schwitz*. Der Verweis auf militärische Sicherheit wirkt, wir können zur Schule gehen.
Dort hat wieder keiner an der Wache `ne Ahnung, wir sagen bestimmt, daß wir eine Einladung vom Coronel (Oberst) hätten und wir sind quasi sowieso jeden Tag hier usw. Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit funktioniert auch im bolivianischen Militär, wir werden sogar zum Coronel vom Wachmajor eskortiert.
Unserer schielender Capitan kommt hinzu ("Aah, hällooo freeends from Germanie!") und führt uns zum Leiter der Pilotenausbildung. Der Coronel macht hier als einer der ersten einen schneidigen Eindruck und sieht doch tatsächlich nach erfahrenem Soldat aus! Bei den Flugzeugen handelt es sich auch um "erfahrene Veteranen", brasilianische T-33 mit Bordkanonen und ungelenkten 76mm Raketen, gelenkte Raketen fehlen völlig. Erinnert stark an die Me-262. Hinzu kommt, daß der Close-Air-Support sowieso nur im flachen Teil von Bolivien geht, um La Paz zum Beispiel ist die Luft zu dünn.

Die Hubschrauber sind von den USA geschenkte Bell UH-1D (Hueys), für Zivilisten: mehr als 30 Jahre alte Hubschrauber aus dem Vietnamkrieg, bei der Bundeswehr (die auch den Huey hat) fliegen schon die ersten Nachfolger (NH 90). Hier allerdings wird es wohl auch die nächsten 100 Jahre (grobe Schätzung) kein Nachfolgemodell geben.
Wir werden aber sehr gut rumgeführt und man bemüht sich, uns die Pilotenausbildung zu erklären, wir bedanken uns beim Coronel und sehen dann noch etwas: zivile junge Menschen. Auf die Frage wer das ist, kommt als Antwort vom Capitan, daß heute neue Wehrpflichtige in die Kaserne kommen. Das wollen wir uns natürlich ansehen!
Pünktlich zur Essensausgabe kommen wir auf den Antreteplatz, der Capitan platzt mitten ins Antreten (als Offizier ist man hier so ein kleiner König) und kündigt uns an. Wir bitten darum, daß wir mal das Essen kosten dürfen. Der Chef hat da so Schauergeschichten erzählt, wenn man nicht essen will kriegt man den Kram in den eigenen Helm, und dann muss man erst recht essen.
--> Menschenführung `33

Das Essen für Offiziere und Kadetten ist übrigens von anderer Qualität, wir dürfen hier zwar alle Flugzeuge, Pilotentafeln und sonstige Einrichtungen fotografieren... aber nicht die Wehrpflichtigenküche. Aha.

Das "Fleisch" ist... keine Ahnung, Hund? Garniert mit irgendeiner wässrigen Brühe und `nem Schuss Sand (zumindest knirscht es beim Kauen/Reissen). Das zähe Fallschirmjägerfleisch mit dem Löffel zu zerteilen ist fast ein Ding der Unmöglichkeit (der Teller kann durchaus eher nachgeben), als wir nach kurzem Antesten dankend die Teller abgeben wollen gibt uns der Capitan zu verstehen, daß wir alles essen müssen, sonst ist die Köchin enttäuscht. Scheisse wir sind wirklich nicht zum Spass hier...
Wir sehen dann noch einen Soldaten mit einem Trekkerreifen um die Schultern um ein Fußballfeld marschieren, der macht das circa 2 Stunden, als Strafe (wohl Vorgesetzten nicht gegrüsst oder so). Eigentlich die beste Methode dem Wehrpflichtigenfrass zu entgehen (für das Foto hat Heiko kurz den Capitan abgelenkt, Basti kann dann unauffällig knipsen).
Wir verabschieden uns dann und können noch heimlich ein kleines Dummfickvideo drehen, die älteren Kadetten haben hier die Befehlsgewalt über die Jüngeren, kein Geschenk hier (die sind hier auch nicht zum Spass).
Abends stürzen wir uns dann ins Nachtleben um dem Gerücht der geilsten Frauen in Bolivien nachzugehen. Allerdings tragen die Frauen hier wegen der Hitze nur knappere Sachen, unbedingt hübscher sind sie nicht (pädagogisch ausgedrückt: die Frauen in Santa Cruz sind nicht signifikant geiler als die in La Paz).
Der Chef schaut übrigens nochmal nach dem Alten im Krankenhaus, da wir in Uniform sind sollen wir besser nicht mit, nicht das die Familie uns fürAnti-Drogen-Special-Agents hält (kein Scheiss).
Am Freitag dann die Nachricht: der Alte ist fit (naja... er stirbt halt nicht) und wird Freitag entlassen!
Chef: "Wenn wir Glück haben, dann haben wir heute abend das Auto wieder!"
Wir verabschieden uns von Richard, packen unseren Krempel und besorgen uns ein "Express"-Taxi, der Fahrer ist ein "Ich bin 2 Öltanks"-Modell, Basti muss hinter ihm sitzen, es ist gerade so Platz zum Atmen da. Der Fahrer packt aber auf einmal unsere Rucksäcke und Chefes Tasche auf die Rücksitzbank, wir bemerken, daß wir so eingepfercht nicht die nächsten 300km nach Villa Tunari verbringen wollen und verweisen auf den Kofferraum. Dürfte ja nix drin sein! Ist aber doch, nahezu der komplette Kofferraum ist mit einer Bass-Box ausgefüllt!
Wir geben ihm unmissverständlich zu verstehen, daß er das Teil entweder im Hotel bunkert oder auf der Strasse abstellen kann, wie er sich entscheidet ist uns egal aber das Monstrum fliegt raus. Mit etwas mehr Platz auf der Rücksitzbank starten wir dann gegen Nachmittag gen Drogengebiet um ENDLICH die Unterschrift der Familie und das Auto zurückzukriegen...
Das das alles nicht so einfach wird wussten wir ja noch nicht.

Tuesday, August 29, 2006

7) "Vergiss es, der hat`s hinter sich..."

Wir begleiteten den Chef sonntags für Kundenbesuche nach Santa Cruz. Der Weg nach Cochabamba ist eine breite, asphaltierte Strasse (ähnlich einer deutschen Bundesstrasse, für Bolivien sensationell!!)durch den Amazonas, 200 Meter über normal Null. Die Fahrt war sehr lustig, Stimmung gut, Dschungel fetzt und wir freuten uns auf Santa Cruz (irgendwie haben ALLE gesagt, daß es da schöne Frauen quasi im Aldi als Sixpack gibt).
Zu Beginn der Reise geht es durch El Alto, ein Gaunerkaff, wenn hier einer etwas klaut wird er schonmal am nächsten Laternenpfahl aufgeknüpft oder gesteinigt. Die Polizei hängt dann die Leiche ab, die Bevölkerung hängt zur Warnung eine Puppe auf. Wir können es nicht ganz glauben, sehen aber dann tatsächlich so eine Puppe! So manches ist hier halt mal so GANZ anders als in Deutschland...

Auf 1/3 Cochabamba, 2/3 Richtung Santa Cruz kommen wir durch den Ort Villa Tunari. Hier, in der "Chapare", befindet sich das Drogengebiet, ca 90% der Leute hier sind Drogenbauern. Der Chef hält es für sicherer, daß wir uns als Touristen ausgeben, sowohl gegenüber der Bevölkerung ("Die riechen Soldaten auf 1000 Meter) als auch gegenüber der Drogenpolizei. Diese wurde von US-Boys ausgebildet und bewaffnet, sieht eher wie eine Dschungelkommandoeinheit aus als eine Art Polizei und kontrolliert die Strasse an Checkpoints.
Wir essen in Villa Tunari "Yochi" (--> hootschie), eine Art hundgrosser Hase, soll er zumindest sein, sieht aber eher aus wie ein mutiertes Eichhörnchen aus `nem Marvel-Comic.
Vollgefressen geht es am Nachmittag weiter Richtung Santa Cruz, da überqueren auf der völlig breiten und kilometerweit geraden Strasse Fußgänger die Fahrbahn.
"Pass auf Chef, da sind welche."
--> Chef hupt, bremst etwas, Fußgänger noch weeeiiiit weg.
Alle Fußgänger reagieren, nur ein Alter Knacker mit Hut erhöht leicht seine Schrittzahl und geht unbeirrt weiter.
"Brems!"
--> Chef wirft den Anker, Reifen quietschen, gerade so kann er`s schaffen... wenn der Depp sich nicht kurz vor der Sicherheit umentscheiden und UMDREHEN würde! Was ein Klappspaten.
BUMM (Hüfte) - KLATSCH (Kopp), der Typ segelt 4 Meter, rollt nochmal 3 und bleibt reglos liegen. Schade, 2 Meter mehr Platz hätten gereicht. Bei einer Bremsung mit 100km/h eigentlich nicht soviel. Der Chef (er ist ja Chirurg) geht sofort zum Unfallopfer, kommt Basti dann entgegen und sagt:
"Der ist tot."
Basti geht zu Heiko der hinten am Wagen steht:
"Was machst du da?"
"Ich suche den Verbandkasten."
"Vergiss es, der hat`s hinter sich..."
Auf einmal kommt der Chef an:
"Wir müssen ins Krankenhaus!"
"Wieso??"
"Der lebt doch noch."
Also Leute zurückgehalten (mittlerweile 30 Einheimische direkt ums Fahrzeug), blutenden Typen eingeladen, Frau und Sohn dazu und so mit 5 Leuten und einem Schwerverletzten ins nächste Krankenhaus, ca 10 km.
Dort angekommen, tragen wir den Alten (gab mittlerweile wieder Geräusche von sich) in die Notaufnahme, puh vielleicht schafft er`s wenn sie ihm nun kompetent helfen. Denkste, machen können sie in dem "Krankenhaus" (jedes Zelt des Roten Kreuzes auf dem Oktoberfest ist besser ausgestattet) nix für den Verletzten, also alle wieder reingepackt und zum nächsten Krankenhaus, diesmal 20 km.
Dort organisiert Heiko einen Rollstuhl, Basti setzt den Alten rein und er wird zur Notaufnhame gerollert.
Chef: "Das überlebt der nicht..."

In der Zwischenzeit gehen wir zur Polizei, der schickt uns zum nächsten Ort zum Polizei- Seargent. Der älteste Sohn kommt mit, in Bolivien muss man sich nämlich mit der Familie des Opfers einigen. Dummerweise ist der Fahrer in Bolivien immer automatisch schuld. IMMER!
Der Sohn bestand darauf, daß die Polizei das Auto vom Chef beschlagnahmt, nun standen wir also ohne Auto da. Wieder zurück zum Krankenhaus, sehen ob der Alte noch lebt oder verreckt ist. Noch lebt er, muss aber nach Cochabamba (120km) oder nach Santa Cruz (300km), dort gibt es bessere Ausstattung. Krankenwagen? Der Einzige ist gerade weg, auf einem Sonntag wird es schwer einen anderen zu organisieren, Wartezeit: 4-8 Stunden (!!!).
In der Zwischenzeit Diagnose: Vermutung auf Hirnblutung, zusätzlich hatte der Alte eh schon Tuberkulose und eine Lunge die das beste längst hinter sich hat. Er sah vor dem Unfall schon recht scheisse aus, nun aber noch mal ne Schippe schlechter.
Chef: "den Transport überlebt der nie..."
Dann endlich, es wird schon dunkel, kommt nach Stunden des Rumgammelns und Machete-Schleifens der "Krankenwagen": ein weisser Kombi mit Lampen aufm Dach, das wars. Chef ist sauer, mit seinem Auto hätten wir den Alten längst nach Santa Cruz bringen können (da soll er jetzt hin). Nach ein wenig einwirken auf den Fahrer klappt er immerhin die Rücksitzbank um und legt eine Decke auf den (Stahl-)Kofferaumboden.

Alten eingeladen, Familie dazu hinten rein, und los gehts. Wir müssen uns ein Taxi organisieren, es kostet ganze 45 Euro für die 300km Fahrt. Bis wir zum Taxistand im nächsten Ort kommen fahren wir mit einem Kombi... mit 12 Leuten. Basti sitzt im Kofferraum mit 2 Frauen und einem kleinen Mädchen, die Mutter fängt an es zu stillen. Als bei der Polizei (zum Abklären letzter Details) die nächste Frau (mitten in der Verhandlung) auch ihr Kind stillt, hat er sich schon dran gewöhnt.
Danach los mit dem Taxi. Da es dunkel ist, werden wir am Drogencheckpoint genauer kontrolliert (eine Frau dabei), Kofferraum und Handgepäck wird durchsucht. Auf die Frage was wir in Santa Cruz wollen antwortet der Chef blitzschnell mit einem "Touristica!". Wir dürfen weiter, es war die schärfste Kontrolle die der Chef je mitgemacht hat. Der Mitarbeiter unserer Firma in Santa Cruz ist bereits informiert und soll Meldung machen wenn der Verletzte ankommt, theoretisch müsste er weit vor uns ankommen. Kommt aber keine Meldung.

Chef:"Die Fahrt hat er wohl nicht gepackt..."
Dann kurz vor Santa Cruz die Nachricht: "Der Alte lebt noch!"
Harte Sau meinen wir, im Krankenhaus angekommen denken wir nur "endlich", aber es kommt die Nachricht: "Der muss woanders hin..."
Also wieder Alten eingeladen, Familie dazugepackt, und ab zum nächsten Krankenhaus in Santa Cruz. Dort den Knacker auf ein Brett gepackt und in den OP geschoben. Tja, wir sind halt wirklich nicht zum Spass hier, morgens um 5 Uhr war Abfahrt nach Santa Cruz, nun war es spät in der Nacht, ca 0 Uhr. Endlich kriegen wir über eine Sache Gewissheit! Ob er stirbt/lebt? Nö, nur das er hier erstmal bleiben würde, das ist für uns zu dem Zeitpunkt aber schonmal ein Erfolg (nach über 400 km Krankentransport). Wir gehen ins Hotel, können endlich bei schwüler Hitze duschen, mit einem jungen Doktor der mitgekommen ist teilen wir das Hotelzimmer.
Wird der Alte überleben?
Kriegen wir das Auto wieder (und wann und mit in wieviel Teilen)?
Wie hoch wird die Strafe?
Wie wird sich die Familie des Alten verhalten?
Warum ist es so furchtbar heiss in Santa Cruz und gibt es hier wirklich so tolle Weiber?
Mehr dazu im nächsten Blog von "Fieldspooks" ...ääh... "praktikumbolivien"!!!

Wednesday, August 09, 2006

6) Aaaaachtung! Militärparade!









Der Montag (07.08.) ist in Boliven frei, gefeiert wird der Tag des bolivianischen Militärs. Zu diesem Anlass findet in der Kadettenschmiede in La Paz eine Militärparade statt, diese wollten wir in Uniform besuchen.
Da wir von unseren Dokumenten nur deutsche Ausfertigungen haben, hiess es vom Chef: "Kann sein, daß die Militärpolizei euch in den Knast steckt, mit ein bisschen Folter müsst ihr dann schon rechnen, kann sein das ihr nicht mehr so schnell aus der Schule rauskommt!"
Öhm... ok, also erstmal in zivilen Klamotten zur Kadettenschule und den Capitane de Service gefragt wie es denn ausschaut, uns wurde dann von 5 Soldaten versichert, daß das überhaupt kein Problem sei und wir uns unbesorgt in ausländischer Uniform auf das Gelände begeben könnten. Derartig gut abgesichert haben wir uns fix umgezogen und uniformiert der Parade beigewohnt.
Erstaunliche Parallelen zu Deutschland bei der Parade selbst: der Politiker hat so lange gesprochen, der kann nicht gedient haben. Nach über einer guten Stunde Geschwafel (die Soldaten standen schon vorher ne ganze Weile) waren die armen Schweine auf dem Antreteplatz bei knallender Sonne (und eine Ozonschicht gibt es über Bolivien nicht mehr) erlöst... denkste!
Die Truppen marschieren aus, drehen eine Schleife und kommen dann nochmal vorbeimarschiert, vor der Tribüne im Stechschritt, die Kadetten die ganze Zeit im Laufschritt. Zwar alles nicht ganz so diszipliniert und zackig wie bei deutschen Antreten, aber Spass dürften die ganz sicher nicht gehabt haben, Hut ab!
Die Organisation ist allerdings nicht so schneidig wie in Deutschland, während der Parade huschen da nicht nur linksradikale Autonome durch die Formation, sondern auch Tanten, Onkels, Muttis, stolze Väter... die Militärpolizei war nicht zu beneiden, dem "Verwandtensturm" hatten sie nicht viel entgegen zu setzen.
Gezeigt wurde alles was zu Fuss laufen kann: die Kadetten, Infanterie, eine Formation Frauen der militärischen Technikerschule, Elitesoldaten für Dschungel- und Gebirgskampf, eine "Propaganda-Einheit" bewaffnet mit Laptops und Kameras, nur leider keine Panzer oder anderes Grossgerät, daß war leider bei der zeitgleichen Parade in der Hauptstadt Sucre (die haben wohl nicht genug für 2 Paraden).
Am Ende sollte der Chef irgendwie doch recht behalten: das ausfliessen aus dem Paraderaum war alles andere als leicht. Wir sollten mit einigen Bekannten die mitgekommen waren ein Foto machen. Kein Problem.
Kaum wurden aber deutsche Soldaten auf dem Gelände ausgemacht, wurden wir um Fotos mit Unbekannten gebeten. Auch kein Problem.
Das ganze artete dann allerdings derart aus, daß wir nun in ca. 100 (kein Scheiss) bolivianischen Fotoalben sind. Wir brauchten vor der Parade für die 500 Meter vom Eingang zum Paradeplatz knappe 5 Minuten, zurück Eineinhalbstunden. Insbesondere weibliche bolivianische Soldaten kamen sogar in ganzen Trupps regelrecht auf uns zugestürmt. Selbst ausserhalb des Geländes wurde es schwierig zu entkommen, wir haben aber immer einen schneidigen Eindruck hinterlassen, wir sind ja nicht zum Spass hier... (nur welcher der zeitgleich 5 Fotoapparate der gerade fotografierende war, konnten wir nur erraten).
Etwas verwirrt von der, aus Deutschland doch recht unbekannten, Popularität, haben wir den Tag aber dennoch gut überstanden. Und wir sind uns sicher, daß nun einige Bolivianer mehr die "aktuelle" deutsche Fahne kennen (viele kannten nur die "alte"...).

Thursday, August 03, 2006

5) Dschungel / Die gefährlichste Strasse der Welt

Wir verdauen noch die Eindrücke von der Dienstreise nach Cochabamba, da kommt der Chef mit dem nächsten Auftrag: Begleitung der Familie nach Coroico in ein Hotel mitten im Hochdschungel. Tja, 5 Sterne-Hotel, Pool, Trips in den Dschungel, die äußerst nette Familie vom Chef... da müssen wir wohl durch. Die Strecke zum Hotel sind 120km, 80 davon fahren die Männer (wir und der Chef) auf der alten Strasse direkt an den Berghängen des Dschungelsmassivs, genannt „Deathroad“. Hier gibt es 800 Tote pro Jahr. Die Frauen nehmen mit den Kindern die neue Strecke, noch eine Baustelle und nur mit Sondergenehmigung zu befahren, für europäische Verhältnisse abenteuerlich genug aber im Gegensatz zur alten Strecke ein echter Fortschritt. Die von Kriegsgefangenen Deathroad ist ein (schlechterer) Feldweg und breit genug für ein breites Fahrzeug, wird mit Geländewagen, normalen Autos (keine Ahnung wie die auf der staubigen Buckelsteinpiste vorankommen) aber auch Reisebussen und Trucks befahren... in beide Richtungen! Zwischendurch gibt es kleine Haltebuchten, Leute auf der Strecke haben rote und grüne Schilder um anzuzeigen ob man durch die nächste Kurve fahren kann oder ob was entgegenkommt (was man trotz allem besser mit Hupen ankündigt, einsehbar sind die Kurve bergwärts nämlich nicht). Vorfahrt hat immer der, der den Berg hochkommt, die Bergabfahrer müssen immer links fahren,da sie von der Fahrertür aus eher sehen können wie Nahe sie dem Abgrund sind. 5cm vom Reifen bis zum 1200m tiefen Abhang sind keine Seltenheit, fehlender Schnickschnack wie Leitplanken oder Kenntnis der Tragfähigkeit der Strassenkante (gleichzeitig Bergkante) erhöhen stark das Adventure-feeling. Selber dürfen wir nur auf dem „nicht ganz so lebensgefährlichen Teil“ etwas weiter unten fahren, ist aber auch besser so. Man merkt schnell das wagemutige Touristen ohne Führer nicht wissen wie die Locals fahren und schnell den Verkehr stören, was hier Stillstand und Rückwärtsgang heisst. Unterwegs sehen wir einen abgestürzten Bus, dürfte niemand überlebt haben. Man kann hier übrigens mit dem Fahrrad die Strecke bergab runterfahren. Wir sehen eine Menge schlamm- und staubbedeckter Touristen. Wer von Nordsee-Urlaub gelangweilt ist kann hier wirklich mal „was anderes“ machen was er so schnell nicht vergessen wird... Angekommen im Hotel erkennen wir das die 5 Sterne wohl nur bolivianische Sterne sind, aber nach den ganzen runtergekommenen Dörfern, Staub, Dreck, schrottreifen Fahrzeugen und wilder Natur ist ein Hotel mitten im Dschungel ein kleiner Kulturschock. Wir beziehen Zimmer und gammeln den Rest des Tages mit der Familie rum. Die folgenden Tage nutzen wir die Angebote für verschiedene Trips in den Dschungel, wir besuchen unteranderem einen Wasserfall, machen einen kleinen Marsch durch ein kleines Flussbett und sehen diverse Hängebrücken (immer nur einer auf einmal und garantiert kein deutscher Sicherheitsstandard). Den Bolivianern ist wieder kalt, wir freuen uns über das schöne Wetter und sehen Bananen, Kaffeepflanzen, Bambus... und Moskitostiche an Armen und Beinen, trotz Bundeswehr-anti-Insektenöl. Sollte man wirklich gewissenhaft und dick wie eine Türdichtung auftragen, Moskitos sind zwar nur so gross wie Gewitterfliegen und stechen nicht, aber sie beissen dafür dreimal so grosse Löcher wie ihr Körper gross ist. Gut das wir das Malariamittel dabeihaben, bisher brauchten wir es Gottseidank nicht. Aber wir sind ja auch nicht zum Spass hier...

Das Dorf Coroico ist sehr idyllisch mitten am Dschungel-Berghang gelegen und auf Touristen ausgerichtet. Neben einem Mad-Max-gepimpten Wohnmobil (der "Overlander"), auf einer Karte am Fahrzeug sieht man die bisherige Route, nahezu jeder Kontinent vertreten, später nochmal in LaPaz gesehen) gibt es eine Pizzeria Italia und das Restaurant Backstube. Der deutsche Inhaber sieht sehr nach "Aussteiger" aus und fragt was wir machen. Es fällt "Bundeswehr", der Chef will im selben Moment ein Foto machen... und der Typ ist plötzlich verschwunden und eine andere Bedienung kommt. Merkwürdiger Kauz. Also falls ein abgehalfteter Typ vor ca. 40 Jahren mal Fahnenflucht begangen hat, kann ja einer vom BMVg mal in der Backstube nachschauen.

Nach 3 Tagen im ungewöhnlichsten Hotel das wir bisher kennengelernt haben fahren wir zurück, auf der neuen Strecke. Bergauf auf der Deathroad hat man es leichter, daß kann ja jeder *hüstel*.

Wednesday, August 02, 2006

4) Cochabamba oder: „Hier heulen alle nur rum!“

Cochabamba hat aufgrund der niedrigeren Höhe wesentlich mehr Vegetation, Palmen, Farne und grüne Berghänge (in LaPaz gibt es nur „nackte“ Berge) vermitteln Südseeflair. Es ist ziemlich warm, wir schwitzen in der Sonne und sehen eine Temperaturanzeige...11°Celcius. Hm, wer meint das trockene Kälte schlimmer ist als nasse Kälte (wie unser Chef) sollte mal herkommen. Die Bolivianer frieren und ziehen sich Jacke und teilweise Handschuhe an, wir vermuten, daß hier niemand einen echten deutschen Winter überleben würde...
Ein verlässlicher Local (unser Chef) sagt uns das in Cochabamba trotz der schönen Lage alle nur am rumheulen sind und sich beschweren, Paralellen zu deutschen westrussischen Gebieten sind aber völlig aus der Luft gegriffen und entbehren jeder Grundlage!
Die Arbeitsmoral wird uns an unserer Arbeitstelle deutlich: ein extrem teures europäisches, modernes Gerät das Brillengläser zurechtfräsen kann hat ein Sieb und muss täglich gereinigt werden. Das Sieb ist allerdings voll wie eine russische Panzerhaubitze, wochenlang nicht gereinigt. Jetzt muss man es „entleeren“, wir machen das zum Erstaunen der Bolivianer mit deutscher Sorgfalt und Gründlichkeit. Wir sind ja nicht zum Spass hier!
Den folgenden Tag werden wir nicht wirklich gebraucht, die spanische Maschine muss den spanisch-sprechenden Mitarbeitern auf spanisch erklärt werden, somit sind wir eher „ungeeignet“.
Wir erkunden daraufhin Cochabamba und begeben uns zu einer m hohen Jesusstatue auf einem Berg am Stadtrand. Da wir der Meinung sind harte deutsche Soldaten zu sein, nehmen wir tough-guy-like die Treppen antstatt der Seilbahn... bisher bescheuertste Idee die wir hier hatten. Pralle gnadenlose Sonne, hundert...tausend...ach was MILLIONEN Treppenstufen, und Kinder die den doofen hellhäutigen schadenfroh aus den Gondeln der Seilbahn zuwinken. Oben am Berg beschliessen wir asap das Innere der Statue zu erklimmen, hätten wir uns erstmal ausgeruht wäre es wohl schwer gewesen dafür Motivation zu finden. Aber dafür atemberaubende Aussicht auf Cochabamba. Runter sind die Treppen dann nicht mehr so wild, einem alten Mann (geschätzte 140 Jahre) mit Kind (Ururenkel?) auf dem Rücken, der gerade die treppen hochkommt, geben wir unsere halbe Wasserflasche. Vermutlich ist er uns immer noch dankbar.
Abends belohnen wir uns mit einem Discobesuch, Wodka-redbull für 2€, das Wodka-Glas ist randvoll mit Wodka, Redbull-Dose gibt es einzeln dazu. Die bolivianischen Mädchen scheinen helle Haut zu mögen, angesprochen wurden wir alle Nase lang, dummerweise können nicht alle englisch. Am nächsten morgen um 7Uhr bemerkt Basti, daß er eine volle Redbulldose mitgebracht hat, da hat er das letzte Glas Wodka-Redbull wohl ohne Redbull genossen... könnte die teilfragmentierte Erinnerung erklären. Hielt sich aber alles noch im Rahmen (Meldung an Disziplinarvorgesetzten zweckfrei).
Am dritten Tag Verabschiedung von den Mitarbeitern und die lange Strecke zurück nach LaPaz. Hier müssen wir nochmal richtig ran: Heiko kriegt den 60Kilo Kartoffelsack für den Chef und Basti muss Fotos machen (hrhr).